Patienteninformationen - FAQ

Was ist das Multiple Myelom?

Das Multiple Myelom ist der häufigste Vertreter einer Gruppe von Erkrankungen des Knochenmarks, die als Plasmazellerkrankungen bezeichnet werden. Allen gemeinsam ist die Entartung einer Plasmazelle, die zur unkontrollierten Vermehrung dieser Zelle führt. Ursächlich hierfür sind in der Regel spontan entstandene Veränderungen des Erbguts der betroffenen Zellen, sog. Mutationen. Durch Ansammlung verschiedener genetischer Veränderungen kann über viele Monate und Jahre ein maligner Plasmazellklon heranwachsen. Gesunde Plasmazellen dienen dem Körper als Schutz vor Infektionen, indem sie eine Vielzahl unterschiedlicher Antikörper (Fachbegriff: Immunglobuline) produzieren. Dies sind spezielle Eiweißmoleküle, die körperfremde Mikroorganismen wie Bakterien oder Viren neutralisieren können. Ein Plasmazellklon bildet genau ein Immunglobulin oder sogar nur gewisse Bestandteile davon (z.B. nur die sog. „leichten Ketten“), dies aber in deutlich übersteigerter Form. Es resultiert eine typische Immunschwäche mit Anfälligkeit für Infektionen. Durch die Vermehrung des bösartigen Plasmazellklons im Knochenmark kommt es zu Auflösungen der Knochenstruktur („Osteolysen“) mit Knochenschmerzen bis hin zu Knochenbrüchen. Nicht selten bedingt der Knochenabbau eine Überschwemmung des Körpers mit Calcium, das normalerweise im Knochen gespeichert wird („Hypercalcämie“). Außerdem kann die gesunde Blutbildung im Knochenmark verdrängt werden, es resultiert eine Blutarmut („Anämie“) mit Schwäche, Blässe und Leistungsknick. Ablagerungen der im Übermaß gebildeten Immunglobuline können die Nieren schädigen, da sie über den Harn ausgeschieden werden.


Wie häufig ist das Multiple Myelom?

Am Multiplen Myelom leiden in Europa derzeit ca. 60.000 Menschen, in Deutschland treten etwa 6 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner auf. Das mittlere Erkrankungsalter beträgt bei Diagnose ca. 73 Jahre. Unter den Krebserkrankungen des blutbildenden Systems ist das Multiple Myelom damit die zweithäufigste. Dennoch ist die Erkrankung insgesamt selten, so dass Diagnostik und Therapie in die Hände eines entsprechenden Facharztes für Hämatologie und Onkologie gehören.
 

Wie wird das Multiple Myelom diagnostiziert?

Bei den oben genannten typischen Symptomen der Erkrankung sollte nach einer eingehenden Befragung und körperlichen Untersuchung durch den Onkologen eine umfangreiche Testung bestimmter Blutwerte erfolgen. Neben der Nierenfunktion, dem Gesamt-Eiweißgehalt im Blut und einem großen Blutbild spielt hierbei die Bestimmung der Immunglobuline eine bedeutende Rolle. Typisch für maligne Plasmazellerkrankungen ist ein sog. „M-Gradient“, eine schmale Zacke im Verteilungsmuster der Bluteiweiße. Über immunologische Methoden kann im Anschluss das Vorliegen eines malignen Plasmazellklons nachgewiesen werden. Zur Diagnose eines Multiplen Myeloms wird im weiteren Verlauf eine Knochenmarkpunktion durchgeführt. Durch diese Methode wird die Vermehrung von Plasmazellen im Knochenmark nachgewiesen und Proben zur weiteren Charakterisierung dieser Zellen sowie einer genetischen Testung gewonnen werden. Dies spielt für die Abschätzung der Prognose und die spätere Therapieplanung gerade bei jüngeren Patienten (<70-75 Jahren) eine wichtige Rolle. Bei Nachweis eines Multiplen Myeloms folgt i.d.R. eine Ganzkörper-CT-Untersuchung, bei der nach Osteolysen oder Knochenbrüchen gefahndet wird. Weitere notwendige diagnostische Schritte, wie die Durchführung von MRT- oder PET-CT-Untersuchungen wird ihr Hämatologe mit Ihnen besprechen.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Das Multiple Myelom ist eine systemische Tumorerkrankung, d.h. die entarteten Zellen liegen an verschiedensten Stellen des Knochenmarks im ganzen Körper vor. Aus diesem Grund besteht das Rückgrat der Therapie klassischerweise aus Medikamenten, die systemisch als Tabletten, Infusionen oder Spritzen gegeben werden, die entarteten Plasmazellen über das Blut erreichen und schließlich abtöten. Hierzu zählen klassische Chemotherapeutika, die bereits seit vielen Jahren eingesetzt werden und häufig mit Cortisonpräparaten kombiniert werden. Über viele Jahre hat sich gezeigt, dass jüngere oder besonders fitte Patienten (bis zum Alter von ca. 70 Jahren) von einer hochdosierten Chemotherapie profitieren, da hierdurch eine langfristige Krankheitskontrolle erzielt werden kann. Im Anschluss an eine solche Hochdosistherapie ist allerdings die Transfusion von eigenen Stammzellen  (sog. „autologe Stammzelltransplantation“) notwendig, da sich das körpereigene Knochenmark sonst nicht von den Folgen der Chemotherapie erholen würde. Seit 2004 ist der Proteasomenhemmstoff Bortezomib (Velcade©) in Europa zur Therapie des Multiplen Myeloms zugelassen. Bortezomib und seine Nachfolger Carfilzomib und Ixazomib wirken über eine Hemmung des zellulären Proteinabbaus in sog. „Proteasomen“. Hierdurch ersticken entartete Plasmazellen förmlich an den im Übermaß gebildeten Immunglobulinen.  Aufgrund dieser speziellen Wirkweise werden andere Körperzellen in geringerem Maße geschädigt, sodass diese Medikamentengruppe gut verträglich ist. Ähnlich verhält es sich bei der Gruppe der „Imide“, Substanzen die sich von der Ursprungssubstanz Thalidomid ableiten. Heute werden v.a. Lenalidomid und Pomalidomid beim Multiplen Myelom eingesetzt. Imide induzieren den Abbau von Überlebensfaktoren von Myelomzellen und aktivieren Zellen des Immunsystems. Lenalidomid ist sowohl zur Induktions- als auch  Erhaltungstherapie nach Stammzelltransplantation beim Multiplen Myelom zugelassen. Seit 2016 sind monoklonale Antikörper als weitere „Immuntherapie“ gegen das Multiple Myelom zugelassen. Ähnlich wie körpereigene Antikörper wirken die Immuntherapeutika hochspezifisch – allerdings nicht gegen Infektionserreger sondern gegen Myelomzellen. Zu diesen Substanzen zählen Daratumumab (anti-CD38) und Elotuzumab (anti-SLAMF7). Beide Substanzen sind bis auf allergische Reaktionen, die unter Therapie auftreten können, sehr gut verträglich und werden daher auch gerne in Kombination mit den o.g. Substanzen eingesetzt. Neben der spezifischen Therapie der entarteten Plasmazelle spielen selbstverständlich auch supportivmedizinische Maßnahmen eine wichtige Rolle. Hierzu zählen unter anderem die Schmerztherapie, Bluttransfusionen, die medikamentöse Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der Nierenfunktion und eines normalen Calciumspiegels, die Stärkung der Knochenstruktur durch Medikamente und Physiotherapie sowie die fachmännische psychologische Betreuung von Betroffenen. In bestimmten Fällen können besonders betroffene Stellen des Skelettsystems oder sog. extramedulläre Myelomherde bestrahlt werden. Hierdurch wird die lokale Krankheitskontrolle verbessert, Schmerzen gelindert und die Knochenheilung beschleunigt.
 

Welche Prognose habe ich mit der Diagnose „Myelom“ heute?

Die Prognose für Patienten mit Multiplen Myelom hat sich durch die Vielfalt an Therapiemöglichkeiten in den letzten 15 Jahren deutlich verbessert. So beträgt die mittlere erkrankungsfreie Zeit nach Hochdosistherapie und autologer Stammzelltransplantation mit einer Lenalidomid-Erhaltungstherapie heute mehr als 50 Monate. Allerdings haben nur etwa 10% der Patienten langfristige tiefe Remissionen mit einer Zeitdauer von 10 Jahren und mehr. Zudem kann bei dem Großteil der (älteren) Myelompatienten keine Transplantation durchgeführt werden, entsprechend schlechter ist deren Prognose. Im Durchschnitt betrug das mittlere Überleben von Patienten mit Multiplen Myelom in Großbritannien in 2011 ca. 4 Jahre. Etwa ein Drittel der Patienten lebte 10 Jahre. Sicherlich werden die seither neu eingeführten Medikamente (Zweitgenerations-Proteasomenhemmstoffe, -Imide und monoklonale Antikörper) sich positiv auf diese Zahlen auswirken, allerdings sind hiermit häufig Dauertherapien verbunden. Der Bedarf an innovativen Substanzen und gänzlich neuen Konzepten wie z.B. der CAR-T-Zell-Therapie ist daher auch für Patienten mit Multiplen Myelom nach wie vor sehr groß.
 

Was sollte ich zum ersten Gespräch mit meinem Onkologen mitbringen?

Die Diagnose „Multiples Myelom“ erfordert in aller Regel die Behandlung durch einen spezialisierten Facharzt. Zum ersten Gespräch bringen sie bitte folgende Unterlagen mit. Dies erleichtert das gegenseitige Kennenlernen, die Einleitung einer raschen und unkomplizierten Diagnostik und Therapie und wird dazu führen, dass Ihr Onkologe Ihnen entsprechende Fragen unmittelbar beantworten kann.

 Arztbriefe und Vorbefunde zur Myelomerkrankung und wichtigen Nebenerkrankungen
Überweisungsschein

Aktuelle Medikationsliste

Röntgenbilder/CT' s/MRT' s auf CD
 
Eine Liste mit eigenen Fragen für das Arztgespräch

 

Wo bekomme ich Hilfe?

Die Myelom Allianz Rhein Main bietet neben den ärztlichen Anlaufstellen in unseren beteiligten Praxen und Kliniken auch Kontakte zu Selbsthilfegruppen und weitere Informationsangebote für Sie als Patient. Sprechen sie uns gerne im persönlichen Gespräch hierauf an oder folgen Sie diesen Links.